Flowers Endlessly Open (2020)
for clarinet in Bb, cello and piano
Duration: 9' 30"
Commissioned by Bludenzer Tage zeitgemäßer Musik
Premiere: 9 October 2021, Bludenzer Tage zeitgemäßer Musik - Bludenz; performed by Trio Catch (Boglarka Pecze, clarinet; Eva Boesch, cello; Sun Young, piano)
The title of the score is a quote from Rainer Maria Rilke's Eight Elegy. In the poem the flowers are an archetype, a single sign wherein begins the infinite of significations. By looking at the gesture of small flowers that ‘endlessly open’ in a ‘pure space’, Rilke refers to the rarity of a fleeting, open-ended and fragile imagination. The flower doesn’t produce knowledge: it is a shade, an intimation, a resonance in front of which our cognitive and emotional desires are to be suspended. This richness of signification allows to use the flower as a metaphor of the hidden essence of composition itself, getting closer to the boundary that divides what is being perceived by intuition from what could be understood by intellectual ability. In the work the sounds depict smooth shapes, drawing a line that spirals to contract inwards and expand outwards like the outline of the petals in a rose. When the musical figure seems about to define itself, dissolves into new figures, creating a feeling of openness: a working process that constantly starts and suspends, mapping out a structure that goes beyond individual objects in order to weave larger sonorous continuities.
Daniela Terranova: Flowers endlessly open
(2020) 9' 30'' – Uraufführung
Ihr Stück Flowers Endlessly Open hat die Komponistin Daniela Terranova im Wortsinn Trio Catch geradezu
auf den Leib geschrieben. Ursprünglich geplant für ein Konzert im Oktober 2020 beim Festival Bludenzer
Tage zeitgenössischer Musik, die jedoch der Covid-19-Pandemie geschuldet abgesagt werden mussten,
wird das Stück nun bei Ultraschall Berlin 2021 uraufgeführt. Der Titel Flowers Endlessly Open ist
ein ins Englische übersetzte Zitat aus der achten der Duineser Elegien von Rainer Maria Rilke. Deren
erste entstand bei einem Aufenthalt des Dichters in Schloss Duino bei Triest. Daniela Terranova lebt
heute selbst in Triest und schickt mit dem Titel einen italienischen Gruß nach Hamburg, der Stadt
von Trio Catch. In der erwähnten achten Elegie wird die Sehnsucht nach einer Sphäre der Freiheit und
des ungetrübten Glücks in einem Bild eingefangen, das »den reinen Raum vor uns, in den die Blumen
/ unendlich aufgehn« evoziert. Die Menschen, abgelenkt von den Geistern der Vergangenheit und den
Plänen für die Zukunft, seien jedoch zu verblendet, um diesen intensiven Moment der Gegenwart zu erleben,
heißt es im Gedicht. Genau diese Assoziation eines idealen Raums mit »flowers endlessly open« stellt
sich bei Daniela Terranova ein, wenn sie das Trio Catch beim gemeinsamen Musizieren erlebt. »Ich war
sehr beeindruckt, weil die Musikerinnen meines Erachtens wirklich in der Lage sind, mit ihren Gesten
beim Spiel einen sehr besonderen Raum zu kreieren«, erläutert dies Daniela Terranova im Interview
für Ultraschall Berlin. Dieser beschworene ideale Raum ist für die Komponistin Ort intensiven Erlebens
der Gegenwart. Kunst vermöge tatsächlich diesen besonderen Ort herstellen, findet sie.
Daniela Terranova setzt sich beim Komponieren gerne mit den Persönlichkeiten auseinander, für die
das Stück gedacht ist. In ihren Werken möchte sie die spezifischen und individuellen Charakteristika
des jeweiligen Ensembles oder des Solisten einfangen. Im Kommentar zu Flowers Endlessly Open, der
sich in der Vorbemerkungen der Partitur findet, heißt es: »Das Stück erforscht eine Palette fragiler
Klänge, die eine instabile und veränderliche Textur bilden.« Das intensive Zusammenspiel, das sensible
Reagieren aufeinander, das, was das Trio Catch nicht zuletzt auszeichnet, dies schlägt sich in Flowers
Endlessly Open in einem Klangfluss nieder, in sich subtil verändernden Strukturen, die zart, wolkig,
subtil vibrierend und schillernd reichhaltige Farbnuancen entfalten. In dieser Musik sind die gegenseitigen
Entsprechungen zwischen den Instrumenten detailliert und äußerst fein ausgehört: So finden sich beispielsweise
Teiltöne der Multiphonics aus der Klarinette in den Tonhöhen des Cellos und des Klaviers wieder.
Der Cellopart hat vor allem obertonreiche Klänge, erzeugt durch ausgeweitete Spieltechniken: Flageoletts,
Spiel auf dem Steg und Spiel auf dem Griffbrett, mit dem Bogen so nah wie möglich an der Griffhand.
Mikrotonal angereicherte Klänge durch kreisende Bewegungen des Bogens auf den Saiten sind zu hören
und sachte geräuschhafte Klangtexturen, erzeugt mit dem Bogen, wenn dieser mit dem Übergang von Bogenhaar
und Bogenholz auf die Saiten gedrückt wird. Das Klavier wird in diesem Stück zum Saiteninstrument,
gespielt wird nicht auf den Tasten, sondern auf den Saiten im Korpus des Instruments. Zudem setzt
die Pianistin gleich zwei E-Bows auf den Klaviersaiten ein, mit dem Ziel, dauerhafte klangliche Schwingungen
durch Magneteinwirkung und damit verbundene Rückkoppelungen zu erzeugen. »Ich wollte einen Klang ohne
Anschlagakzente erreichen, einen durchgehenden Klangfluss«, kommentiert dies die Komponistin. Das
Ziel sei, dass sich der Klavierklang den Klängen des Cellos und der Klarinette annähere. Auf diese
Weise verschmelzen die Einsätze der drei Instrumente praktisch zu einem einzigen Klang, sind Bestandteile
eines Klanggewebes. Die drei Soloinstrumente des Trios wachsen somit klanglich zu einem Hyperinstrument
zusammen.
Die auf diese Weise kreierten Klangflächen des ersten Teils von Flowers Endlessly Open erzeugen den
Eindruck einer suspendierten Zeit. Im Mittelteil differenzieren sich die Klangflächen dann aus, die
drei Instrumente Klarinette, Violoncello und Klavier werden nun stärker in ihren individuellen Klanglichkeiten
wahrgenommen. Dies geht einher mit einer erhöhten Bewegungsintensität des Geschehens, das Tempo beschleunigt
sich. Das Klavier, gezupft auf der höchsten Saite c5 gibt hier die regelmäßigen Impulse, begleitet
von gezupften Akzenten der Saite e1, die mit Haftpads gedämpft ist und so im Klang einem Gong ähnelt.
Am Ende des Stücks, wenn die reichhaltigen Klanglandschaften verhallen, wird dem Erklungenen performativ
nachgespürt: Die Cellistin führt ihr Instrument an ihrem Körper entlang, die bislang auf den Klaviersaiten
im Instrumentenkorpus agierende Pianistin berührt schließlich doch noch die Tastatur, jedoch in Form
stummer Glissandi der Handflächen über der Klaviatur, während die Klarinettistin dezent vibrierende
Flageoletts in der Klarinette verklingen lässt. Flowers Enlessly Open wird am Schluss zu einer Erforschung
der Grenze zwischen Klang, Nachhall und Stille. Auf die Frage, was der größte Fehler bei der Interpretation
ihres Stücks sei, entgegnet Daniela Terranova im Interview für Ultraschall Berlin: »Das Falscheste
wäre, körperlich zu bleiben, zur sehr auf dem Boden zu bleiben, ich möchte einen ätherischen Klang
erzielen. Die Musikerinnen sollen in der Lage sein, den Himmel zu sehen.«
Eckhard Weber
(Ultraschall 2021, Berlin)